Formen der Internetnutzungsstörungen

Der Begriff Internetnutzungsstörung fasst verschiedene Anwendungen zu einem Störungsbild zusammen: Je nach Art der verwendeten Anwendung können verschiedene Störungsformen unterschieden werden. Am besten erforscht ist dabei der Bereich der (Online-)Computerspiele (Fineberg, 2022). Doch auch für die problematische Nutzung weiterer Anwendungsformen gibt es wissenschaftliche Belege. Dazu gehören vor allem Soziale Netzwerke, Shopping und Pornographie (Brand et al., 2020).

Computerspielstörung

Von einer Computerspielstörung (CSS) spricht man, wenn das Online- bzw. Offline-Spielen einer Person so viel Raum einnimmt, dass es ihr Leben negativ beeinflusst. Die Person kann nicht aufhören zu spielen, vernachlässigt andere wichtige Dinge und fühlt sich unglücklich oder gereizt, wenn das Spielen gestoppt wird. Die CSS ist bisher die einzige offiziell anerkannte Diagnose unter den INS. Sie findet sich im ICD-11, einem Klassifikationskatalog, den Ärzt:innen aber auch Psycholog:innen nutzen, um Krankheiten einzuordnen und Diagnosen zu vergeben. Die CSS heißt hier „Gaming Disorder“ und wird durch drei Kernkriterien beschrieben, die die Diagnose kennzeichnen (WHO, 2022). Wichtig ist, dass sie sich auf Spiele, die sowohl online als auch offline stattfinden, bezieht. Außerdem beinhaltet die Diagnose nicht nur das Spielen auf dem Computer, wie der Name nahelegt, sondern auch das auf allen anderen Geräten, wie z.B. auf Smartphones oder Spielkonsolen.

Studien, die untersucht haben, wie häufig CSS in der Bevölkerung vorkommt, schwanken in ihren Ergebnissen relativ stark. Sie bewegen sich zwischen 1% und 9% (Gentile et al., 2017). In Deutschland wurde die Prävalenz von CSS im Jahr 2011 in einer repräsentativen Stichprobe von 15.000 Menschen auf etwa 1% geschätzt (Rumpf et. al., 2011). Aktuelle Prävalenzstudien mit repräsentativen, erwachsenen Stichproben fehlen in Deutschland. Eine Studie von Wartberg et al. (2020) mit Kindern und Jugendlichen berichtet eine Prävalenz von 3,2%, wobei Jungs häufiger betroffen waren als Mädchen.

Als Risikofaktoren, also Faktoren, die die Chance erhöhen, dass eine Person eine CSS entwickelt, gelten eine höhere Impulsivität und Spielzeit (Gentile et al., 2017). Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Spielen an sich nicht immer pathologisch, also gesundheitsgefährdend ist, auch wenn relativ viel gespielt wird. Es kommt eher auf die Art und Weise an: Warum wird gespielt? Werden aufgrund des Spielens andere Lebensbereiche stark vernachlässigt? Oder wie reagiert eine Person, wenn sie mal nicht spielen kann?

Schüler:innen, die exzessiv spielen, zeigen deutliche Probleme bei ihrer schulischen Leistung, was sich unter anderem in schlechteren Noten äußert. Generell werden andere wichtige Aktivitäten und Hobbies aufgegeben; betroffene Schüler:innen ziehen sich eher zurück und entwickeln eine Toleranz gegenüber dem Spielen. Das bedeutet, sie müssen mehr spielen, um ein ähnliches Gefühl von Befriedigung zu erleben. Weitere Folgen der CSS sind Schlafprobleme sowie ein subjektives Gefühl des „Süchtigseins“ (Rehbein et al., 2015)).

Soziale-Netzwerke-Nutzungsstörung

Die Soziale-Netzwerke-Nutzungsstörung (SNS) ist eine häufige INS und bezeichnet eine exzessive Nutzung von Sozialen Netzwerken, z.B. Instagram oder TikTok. Eine SNS kann negative Folgen in mehreren Lebensbereichen mit sich bringen. Die Kriterien der Diagnostik sind hier und bei den weiteren Störungen prinzipiell die gleichen, da sie sich alle unter dem Oberbegriff Internetnutzungsstörungen sammeln. Jedoch ist die SNS noch keine offizielle Diagnose, da es sich im Vergleich zum Online- und Offlinespielen um ein neueres Phänomen handelt. Hierzu wird derzeit noch weitere Forschung benötigt.

Die Häufigkeit der SNS beträgt weltweit ungefähr 5% (Cheng et al., 2021). Unter niederländischen Jugendlichen lag sie sogar bei 7-11% (Van den Eijnden et al., 2016). Im Gegenteil zur CSS betrifft die pathologische Nutzung von Sozialen Netzwerken häufiger Mädchen bzw. Frauen (Andreassen et al., 2017).

Auch bei SNS wurden mehrere Risikofaktoren festgestellt, die die Entstehung einer SNS begünstigen. Als kritisch zu betrachten ist es beispielsweise, wenn Soziale Netzwerke als einzige Strategie dienen, um mit negativer Stimmung umzugehen (Luo et al., 2021). Weiterhin tritt eine exzessive Nutzung Sozialer Netzwerke häufig gemeinsam mit depressiven Symptomen (Shensa et al., 2017), mit Stress und mit vermindertem Wohlbefinden auf (Guedes et al., 2016).

Eine SNS hat deutliche Effekte auf das Leben Betroffener. Schulische Leistungen sinken ebenso wie die berichtete Lebenszufriedenheit (Van den Eijnden et al., 2018). Auch Schlafprobleme treten häufig auf (Brailovskaia et al., 2019), die wiederum negative Folgen in mehreren Lebensbereichen haben können. Auch hier ist es wichtig zu betonen, dass die Nutzung Sozialer Netzwerke nicht immer nachteilig sein muss: Sie kann dabei helfen, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten sowie gesellschaftsrelevante Informationen bereitzustellen und zu verbreiten (O’Brien, Moore & McNicholas, 2020). Auf der anderen Seite kann eine ungesunde Nutzung jedoch zu Isolation von Freund:innen und Familie im analogen Leben führen und dazu, dass sich Betroffene ständig mit anderen und teilweise unrealistischen Darstellungen vergleichen, was dem psychischen Wohlbefinden schaden kann (Clark et al., 2018).

Online Shopping Störung

Die Online-Shopping-Störung (ShS) bezieht sich auf exzessives Shoppen und Einkaufen, das online betrieben wird. Da auch zu diesem Störungsbild noch keine offizielle Diagnose vorliegt, werden ebenfalls die Kriterien der INS, wie sie von der Gaming Disorder in der ICD-11 abgeleitet wurden, auf diese angewandt.

Bisher wird noch diskutiert, ob es Sinn ergibt, die Online-ShS als einen Untertyp der generellen Kauf-Shopping-Störung zu klassifizieren, oder daraus eine eigenständige Diagnose zu machen (Müller et al., 2021). Eine Kauf-Shopping-Störung, früher als Kaufsucht bezeichnet, ist ein bereits länger bestehendes Phänomen, das sich jetzt jedoch immer mehr in den digitalen Raum verlagert. Das digitale Shoppen und Einkaufen ist nicht nur deutlich bequemer, sondern auch mit geringeren Hürden verbunden.

Wie bei der SNS sind auch hier Frauen häufiger betroffen (Maraz et al., 2016 ). Zudem tritt das Störungsbild häufiger bei Jugendlichen auf (Neuner et al., 2005). Es wird geschätzt, dass insgesamt ungefähr 5% der Bevölkerung betroffen sind (Maraz et al., 2016).

Typisch für die ShS ist, dass Betroffene nach dem exzessiven Einkaufen oft starke Schuldgefühle verspüren und den Kauf bedauern (Müller et al., 2019). Dennoch können sie sich in dem Moment des Einkaufens oft nicht selbst regulieren, d.h. auch hier spielt Impulsivität eine wichtige Rolle (Rose & Dhandayudham, 2014). Das Kaufen führt zu einem positiven Gefühl der Belohnung und / oder verdrängt negative Gefühle (Müller et al., 2012). Oftmals ist ein niedriger Selbstwert ein Grund dafür, warum Menschen eine ShS entwickeln (Rose & Dhandayudham, 2014). Zu den Risikofaktoren zählt zudem eine eher materielle Werteorientierung.

Das übermäßige Einkaufen führt in den meisten Fällen zu finanziellen Problemen. Weitere Folgen sind eine schlechtere Leistung bei der Arbeit, Streit in der Familie und Einschränkung der Lebensqualität (Müller et al., 2019).

Online-Pornografie Nutzungsstörung

Betroffene konsumieren anhaltend und zwanghaft pornografisches Material, meistens in Kombination mit exzessiver Masturbation. Dies hat negative Auswirkungen auf das persönliche, soziale und psychologische Wohlbefinden. Die Online-Pornografie-Nutzungsstörung (PNS) ist wie die SNS und ShS noch keine offizielle Diagnose. Es wird vorgeschlagen, die Kernkriterien der CSS für die PNS zu übernehmen (Brand et al., 2019).

Die Erfassung der Häufigkeit ist hier besonders schwierig, da eine PNS oft mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden ist (Duffy et al., 2016). Eine Online-Umfrage unter Männern zwischen 31 und 43 Jahren aus 2022 ergab, dass ca. 72% regelmäßig Pornos konsumieren. Fast 6% erfüllten die Kriterien für einen problematischen Pornografiekonsum (Mennig et al., 2022).

Für die PNS konnten u.a. Zusammenhänge mit zwanghaftem Verhalten, Ängsten, Depressionen und Feindseligkeit gegenüber anderen gefunden werden. Wie auch bei den anderen INS gefährdet ein pathologischer Konsum von Pornos den beruflichen Erfolg sowie persönliche Beziehungen (Kraus et al., 2016) und führt außerdem zur sozialen Isolation von Betroffenen (Duffy et al., 2016). Betroffene zeigen demnach insgesamt einen höheren Grad an psychischer Belastung (Mennig et al., 2022). Neben der resultierenden Isolation, kann ein Grund dafür auch sein, dass Konsumieren oft nicht im Einklang steht mit den moralischen Werten der konsumierenden Personen (Perry, 2018).
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