Screening und Diagnostik

Um INS erkennen und diagnostizieren zu können gibt es klare Kriterien, die erfüllt sein müssen. Die Nutzungszeit allein gibt keinen Aufschluss darüber, ob eine problematische Art der Internetnutzung vorliegt. Stattdessen können und sollten die offiziellen Diagnosekriterien herangezogen werden.
Für psychische Erkrankungen gibt es zwei verschiedene Diagnosesysteme, nach denen Kriterien vorgegeben werden. Das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM) der American Psychiatric Association hat im Jahr 2013 in der 5. Revision als erstes eine Diagnose für Verhaltenssüchte aufgenommen (American Psychiatric Association, 2013). In der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden 2019 in der 11. Ausgabe ebenfalls Verhaltenssüchte integriert (World Health Organization, 2019).

Diagnosesysteme

DSM-5

Die offiziellen Diagnosekriterien in beiden Diagnosesystemen beziehen sich derzeit auf den Bereich Gaming. Die genannten Kriterien können jedoch auch auf andere Anwendungsformen übertragen werden. 

Das DSM-5 bezieht sich explizit auf Online-Spiele und beschreibt neun Kriterien für die „Internet Gaming Disorder“:
  1. Starke gedankliche und emotionale Eingenommenheit durch Online-Aktivitäten
  2. Entzugserscheinungen, wie das Auftreten aversiver Zustände wie Unruhe, Angst oder Traurigkeit bei verhinderter Onlinenutzung
  3. Toleranzentwicklung, wie die Steigerung der Häufigkeit und / oder Intensität der Onlineaktivitäten
  4. Erfolglose Versuche bzw. der anhaltende Wunsch, bestimmte Online-Aktivitäten einzuschränken oder völlig aufzugeben
  5. Verlust von Interesse an anderen Aktivitäten aufgrund der Internetaktivität
  6. Exzessive Internetnutzung trotz negativer Konsequenzen (z.B. Leistungsabfall in Beruf / Schule, Übermüdung, Mangelernährung, Konflikte mit Anderen)
  7. Täuschung anderer über das Ausmaß der Internetaktivitäten
  8. Nutzung von Internetaktivitäten, um negativen Stimmungen zu entkommen
  9. Gefährdung oder Verlust von Beziehungen, einer Arbeitsstelle oder ausbildungsbezogener bzw. beruflicher Möglichkeiten durch die Internetaktivitäten
Wenn mindestens fünf Kriterien vorliegen, kann eine Internetnutzungsstörung diagnostiziert werden. Bereits ab drei Kriterien können Frühinterventionsverfahren zum Einsatz kommen.

ICD-11

Im 2019 erstmals veröffentlichten ICD-11 wurden die Diagnosekriterien verfeinert und Offline-Gaming wurde offiziell als Diagnose integriert. Die Diagnose “Gaming Disorder” (dt. Computerspielstörung) umfasst drei Hauptmerkmale:
  1. Beeinträchtigte Kontrolle über das Spielen (z. B. Beginn, Häufigkeit, Intensität, Dauer, Beendigung, Kontext);
  2. Erhöhung der Priorität des Computerspiels in dem Maße, dass das Computerspiel Vorrang vor anderen Lebensinteressen und täglichen Aktivitäten hat und
  3. Fortsetzung oder Eskalation des Computerspielens trotz des Auftretens negativer Konsequenzen. Das Verhaltensmuster ist so schwerwiegend, dass es zu erheblichen Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, erzieherischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen kommt.
Anders als nach der DSM-Diagnostik wurde ein Zusatzkriterium für funktionale Beeinträchtigung ergänzt. Das bedeutet, die Betroffenen müssen innerhalb der letzten 12 Monate eine Beeinträchtigung in persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen aufweisen oder ein starker Leidensdruck muss bestehen.

Ist das Zusatzkriterium erfüllt, kann nach einigen vorläufigen Studienergebnissen bereits bei zwei von drei ICD-Kriterien von einer Internetnutzungsstörung gesprochen werden.

Um herauszufinden, ob generell ein Problem vorliegt oder welche Diagnosekriterien tatsächlich erfüllt sind, bieten sich Screening- und Diagnostikinstrumente an.

Screening

Das Screening ist für gewöhnlich weniger genau als eine Diagnostik. Es geht zunächst darum, einen schnellen Eindruck zu bekommen, ob die Störung vorliegen könnte. Bestätigt sich dieser Verdacht durch das Screening-Ergebnis, kann anschließend eine ausführlichere Diagnostik vorgenommen werden.

Für die alltägliche Anwendung im Gesundheitssystem und anderen psychosozialen Bereichen oder im schulischen Kontext müssen Screeningverfahren möglichst kurz, unkompliziert und ökonomisch sein. Für Internetnutzungsstörungen stehen dazu verschiedene Instrumente zur Verfügung. Viele der verfügbaren Instrumente sind jedoch bereits älter und basieren nicht auf den offiziellen Diagnosekriterien (s. Diagnostik). Oftmals verfügen bestehende Instrumente nicht über ausreichend methodische Güte. 
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Psychologische Messinstrumente werden im Wesentlichen durch drei Gütekriterien beschrieben, die dazu dienen die Qualität einzuschätzen.
  1. Objektivität: Das Ergebnis ist unabhängig davon, wer die Befragung durchführt.
  2. Reliabilität: Das Instrument ist zuverlässig und führt immer zum gleichen Ergebnis. 
  3. Validität: Das Instrument misst das, was es messen soll.

Short CIUS

Als ein besonders kurzes und validiertes Screeningverfahren für Personen ab 16 Jahren kann die Short CIUS (Besser, Rumpf, Bischof et al., 2017) genutzt werden. Als Grundlage diente die ursprünglich 14 Items umfassende Compulsive Internet Use Scale (CIUS; Meerkerk, Van Den Eijnden, Vermulst, & Garretsen, 2009). In dem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekt PIEK (Problematische und pathologische Internetnutzung: Entwicklung eines Kurzscreenings) wurde mit Hilfe von zwei großen Stichproben eine verkürzte Fassung des ursprünglichen Instruments entwickelt. Ausführliche Informationen zur Studie können im Abschlussbericht nachgelesen werden:
Download Bericht zu Short CIUS
Die Short CIUS als gekürzte Version des ursprünglichen CIUS-Fragebogens umfasst fünf Items, die auf einer fünfstufigen Antwort-Skala abgefragt werden. Für jedes Item werden 0 bis 4 Punkte vergeben, so dass ein Summenwert von 0 bis 20 Punkten erreicht werden kann. Um das Ergebnis interpretieren zu können, kann dieser Summenwert mit einem Grenzwert (Cut-off) verglichen werden.

Ein Cut-off von 7 oder mehr Punkten weist bereits auf eine Internetnutzungsstörung hin. Bei diesem Wert handelt es sich jedoch um einen sehr sensitiven Ansatz. Das bedeutet, nicht alle Personen mit einem Summerwert von sieben oder mehr Punkten haben bereits eine Internetnutzungsstörung. Sie zeigen jedoch erste Auffälligkeiten, die auf eine problematische Internetnutzung hindeuten können. Es empfiehlt sich in diesen Fällen bereits eine ausführlichere Diagnostik durchzuführen. Weniger falsch positive Ergebnisse (höhere Spezifität), können mit einem Cut-off von 9 Punkten erreicht werden.
Download Short CIUS Download Kurz-Testanweisung Short CIUS

SNUGS

Um ein zeitgemäßes und valides Screeningverfahren zur Verfügung haben, welches die DSM- und ICD-Kriterien berücksichtigt und gleichzeitig zwischen den beiden häufigsten spezifischen INS unterscheiden kann, wurde in einer späteren Studie ein weiteres Verfahren entwickelt. Im Rahmen der SCINS-Studie (SCreening für Internet-Nutzungs-Störungen) wurde das Social Network Use and Gaming Disorder Screening (SNUGS) für Personen ab 16 Jahren entwickelt und an klinischen Interviews überprüft. Mit diesem Instrument können sowohl CSS als auch SNS gleichzeitig erfasst werden.  

Die Entwicklung des Screenings erfolgte in mehreren Schritten: Zunächst wurden Fragen aus verschiedenen bestehenden Instrumenten zusammengetragen, empirisch ausgewählt und mittels eines diagnostischen Interviews validiert. Das vollständige Vorgehen zur Entwicklung des Instruments kann im offiziellen Abschlussbericht des Projektes oder der dazugehörigen Publikation nachgelesen werden. Nach der Veröffentlichung wird Ihnen beides hier zur Verfügung gestellt.
Das SNUGS umfasst sechs Items, die auf einer fünfstufigen Antwort-Skala beantwortet werden können. Jedes Item wird einmal für Soziale Netzwerke und einmal für (Online-)Spiele mit 0 bis 4 Punkten bewertet. Es ergeben sich spezifisch für die CSS und die SNS jeweils Summenwerte von 0 bis 24 Punkte. Zur Interpretation des Ergebnisses können die Summenwerte mit einem geschlechterspezifischen Cut-off verglichen werden.

Für jede Antwort können 0 bis 4 Punkte vergeben werden. Für die Auswertung des Screenings werden die Punkte der einzelnen Antworten addiert, jeweils getrennt für Soziale Netzwerke und (Online-)Spiele. Wird ein bestimmter Wert, ein sogenannter Cut-off-Wert erreicht, kann dies auf ein problematisches Nutzungsverhalten des Internets hinweisen. Die Analyse der Daten der Entwicklungsstichprobe des Fragebogens zeigte, dass sich für Frauen und Männer unterschiedliche Cut-off-Werte ergeben. Für Soziale Netzwerke liegen die Cut-off-Werte für Frauen und Männer bei 7 bzw. 5 Punkten. Für (Online-)Spiele liegen die Cut-off-Werte für Frauen und Männer bei 10 bzw. 6 Punkten. Für Personen, die sich keinem binären Geschlecht zuordnen, können aufgrund der Datenlage nur die Cut-off-Werte der Gesamtstichprobe herangezogen werden. Diese liegen bei Sozialen Netzwerken bei 7 Punkten und bei (Online-)Spielen bei 6 Punkten.
Download SNUGS Download Kurz-Testanweisung SNUGS
Der Einsatz von Screeningverfahren kann prinzipiell zu Über- oder Unterschätzungen bei den gefundenen Fällen der Internetnutzungsstörungen führen. Deshalb können sie eine ausführliche Diagnostik nicht ersetzen, sondern dienen lediglich dem Zweck, in kurzer Zeit einen ersten Eindruck erhalten zu können. Sollte das Screening also auf einen auffälligen Wert hindeuten, empfiehlt sich eine entsprechende weiterführende Diagnostik.

Online-Screening durchführen

Sie können sowohl die Short CIUS als auch das SNUGS direkt online ausfüllen und auswerten lassen. Sie bekommen anschließend eine personalisierte Rückmeldung zu Ihrem Ergebnis.

Wir empfehlen Ihnen die Short CIUS, wenn Sie die unspezifische, also die allgemeine Form der Internetnutzungsstörung betrachten möchten. Für eine spezifische Rückmeldung zum Nutzungsverhalten von Sozialen Netzwerken und (Online-)Spielen, empfehlen wir Ihnen den Selbsttest mit SNUGS. Dieser Test orientiert sich an den neusten Definitionen und berücksichtigt in der Auswertung auch Unterschiede zwischen Frauen und Männern.
ShortCIUS online ausfüllen SNUGS online ausfüllen

Diagnostik

Ein diagnostisches Vorgehen ist deutlich ausführlicher und genauer als ein Screeningverfahren, bei dem eher grob geprüft wird, ob Anzeichen einer Erkrankung vorliegen. Für gewöhnlich erfolgt eine Diagnostik im Gespräch mit Expert:innen, die mithilfe von Fragebögen oder Fragekatalogen versuchen herauszufinden, ob ein Störungsbild erfüllt wird oder nicht. Dazu werden gezielt Diagnosekriterien abgefragt und möglicherweise anhand von Beispielsituationen hinterfragt.

I-CAT

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekts PINTA-DIARI wurde eine computergestützte Diagnostik für Internetnutzungsstörungen entwickelt und seitdem stetig weiterentwickelt. Ausführliche Informationen zur PINTA-DIARI-Studie können im Abschlussbericht nachgelesen werden:
Download Bericht zur PINTA-DIARI-Studie
Das Diagnostik-Verfahren mit Namen “ Internet Use Disorder – Criterion-based Assessment Tool“ (I-CAT; dt.: Internetnutzungsstörungen - Kriterienbasiertes Bewertungsinstrument) eignet sich zur computerisierten sowie zur telefonischen Durchführung. Es ist vollstrukturiert und standardisiert. Dabei umfasst es Kriterien einer Internetnutzungsstörung in Anlehnung an das vollstrukturierte und bewährte Interview Composite International Diagnostic Interview (CIDI; Wittchen et al., 1995).

Online-Diagnostik durchführen

Die Diagnostik nimmt ca. 20 Minuten in Anspruch. Im Anschluss wird direkt die Anzahl der Kriterien ausgegeben und angezeigt, welche der Diagnosekriterien erfüllt werden. Beim Vorliegen von mindestens 3 Kriterien oder dem Auftreten von deutlichen negativen Konsequenzen der Internetnutzung sollte eine externe Unterstützung, Beratung oder Behandlung in Betracht gezogen werden.
Direkt zur Online-Diagnostik
Wir weisen jedoch darauf hin, dass eine Online-Diagnostik zum Selbstausfüllen weniger genau ist, als eine ausführliche Diagnostik von einer Fachperson. Bei der Beantwortung können beispielsweise Missverständnisse auftreten, die dazu führen, dass eine Diagnose fälschlich gestellt oder übersehen wird.
Literaturverzeichnis
  • American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, fifth edition. Washington, D.C.: American Psychiatric Association.
  • Besser, B., Rumpf, H. J., Bischof, A., Meerkerk, G. J., Higuchi, S., & Bischof, G. (2017). Internet-Related Disorders: Development of the Short Compulsive Internet Use Scale. Cyberpsychology, behavior and social networking, 20(11), 709–717. https://doi.org/10.1089/cyber.2017.0260
  • Meerkerk, G. J., Van Den Eijnden, R., Vermulst, A. A., & Garretsen, H. F. L. (2009). The Compulsive Internet Use Scale (CIUS): Some Psychometric Properties. Cyberpsychology & Behavior, 12(1), 1-6. doi:10.1089/cpb.2008.0181
  • World Health Organization (2019). ICD-11—Mortality and Morbidity Statistics. https://icd.who.int/browse11/lm/en#/http://id.who.int/icd/entity/1448597234.